Simon Maurer, zur Ausstellung "Allerleirau" im Kunstraum Rüegg

 

Der Titel der Ausstellung, «Allerleirau», ist einer Märchenfigur der Brüder Grimm nach-empfunden, deren naturschöne Haare den Künstler Roland Hotz (*1945) dazu verführt haben, diese in Stein zu meisseln. Eigentlich ja geradezu ein Ding der Unmöglichkeit: Haare in Stein meisseln? Schwieriger geht‘s nicht mehr. Genau das ist es natürlich, das den Künstler angezogen hat: diese unglaubliche Herausforderung. Der Haarbund von «Allerlei-rau» ist nun so gross wie eine grosse Frau: 176 cm. Wie die Haare in Strähnen und Strängen zusammen fliessen, entwickelt eine zugleich aufsteigende wie fallende Dynamik. Ein sanftes Wogen, aufwärts und abwärts. Dass Hotz dabei der Form des Steins, seiner Schräge folgt, macht die Skulptur ungeheuer lebendig. Ihre zugleich kantige wie weich-wellige Oberfläche macht sie auch zu einem taktilen, sinnlichen Ereignis. Und die hand-werkliche Fertigkeit, die Hotz an den Tag legt, ist nicht weniger als virtuos, ist stupend.

 

Wo Steinbildhauer seit Jahrhunderten sich in Faltenwürfen – und eben: in Haardarstellungen – üben, kommt Roland Hotz in seinem reifen Werk auf dieses Thema zurück. Schon immer ist er «mit dem Stein gegangen», hat sich von ihm leiten lassen, in ihn hinein gehört. Hat mit ihm dialogisiert während des Arbeitens – wenn zum Beispiel plötzlich ein so genanntes Lager, eine harte Einsprengung, zum Vorschein kam, die sich im Inneren des Steins ver-borgen hatte und nach einer bildhauerischen Antwort rief. Hotz hat sich dann mit dieser Überraschung arrangiert, hat sie eingebaut in seine Strategien: flexibel und intelligent wie ein weiser Asiate.

 

Dieser Dialog zwischen Mensch und Materie, zwischen dem Künstler und seinem Material, zwischen Thema und Gegenstand prägt das Werk von Roland Hotz, der auch ein grosser Psychologe ist. Es geht immer um diese Zwiesprache. Um lebendigen Austausch. Diese Lebendigkeit vermitteln die Arbeiten dann auch nach aussen: Sie sprechen an, wer sie anschaut, fordern die Betrachtenden zum Dialog heraus. Sie tun das auf Grund der sinn-lichen Reize, die sie ausstrahlen. Und tun es, weil uns ihre Formensprache bekannt und doch nie so gesehen vorkommt. Weil archetypische Bilder in uns angesprochen werden. Deshalb ist es bestimmt kein Zufall, dass Hotz sich mit seinen neusten Arbeiten auf Märchen und Mythen bezieht. Interessant, dass ihn ausgerechnet dieses Narrative anspricht: Und wie er es verwandelt in eine abstrakte, reduzierte Formensprache.

 

Märchenhaft ist die Schönheit dieser Bildhauerkunst. Die schiere Zeit, die in sie investiert worden ist, ihre Beständigkeit und dieses wundersame Zusammentreffen von Mensch und Natur machen sie zu einem Gegenüber, an dem man sich nicht sattsehen kann. Und nicht sattdenken kann, satt empfinden kann: denn so einfach diese Formen auf den ersten Blick erscheinen, so unauflösbar, so märchenhaft bleiben sie letztlich. Als stille und sprechende, herausfordernde und beruhigende, standhafte und versichernde Counter-parts.

 

Simon Maurer, Kurator des Museums Helmhaus